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Die Zwicky-Box: Das Werkzeug für mehr Kreativität, Innovation und bessere Entscheidungsfindung

    Zwicky-Box

    Heute lernst Du die Zwicky-Box kennen, mit der Du die Effizienz Deines Gehirns um das Hundertfache steigern kannst.

    Das zumindest behauptet der Erfinder dieser Methode. Du zweifelst jetzt vermutlich genau so daran, wie auch ich es tat, als ich zum ersten Mal davon hörte. Wenn es Dir aber so geht, wie mir damals, wirst Du Deine Meinung in 10 Minuten – nach dem Lesen dieses Artikels – geändert haben.

    Lerne jetzt den faszinierenden Fritz Zwicky und seine Zwicky-Box kennen.

    Auf das darfst Du Dich in diesem Artikel freuen

    Wie Du mit der Zwicky-Box kreative Probleme löst

    Stehst Du manchmal vor einer kreativen Fragestellung und hast das Gefühl, nicht weiterzukommen? In solchen Situationen ist es sinnvoll, wenn Du eine Methode hast, die Deine Kreativität mit einem systematischen Ansatz unterstützt. Die Zwicky-Box (auch morphologischer Kasten genannt) ist genau eine solche einfache und effektive Methode. Mithilfe dieser Methode kannst Du ein Problem aus verschiedenen Richtungen betrachten und entwickelst neue – vielleicht komplett ungeahnte – Lösungskonzepte entwickeln; zum Beispiel ein Tisch ohne Beine. (Mehr zu diesem ungewöhnlichen Tisch erfährst Du weiter unten.)

    Die meisten bekannten Kreativitätstechniken beruhen auf intuitiven Herangehensweisen. Das ist bei der Zwicky-Box anders. Sie bietet einen systematischen Ansatz, der auch Personen anspricht, die eher analytisch gestrickt sind. Auch wenn Du selbst vielleicht nicht zu diesen Personen gehörst, kann die Zwicky-Box ein gutes Werkzeug sein, wenn Du mit Menschen aus technischen Bereichen zusammenarbeitest.

    Wenn es darum geht, Probleme zu lösen, greifen unsere Gehirne oft auf altbekannte Lösungen zurück. Diese vertrauten Lösungen sind zwar in bestimmten Situationen gut, reichen aber möglicherweise nicht aus, um komplexere Problemstellungen unseres Lebens zu bewältigen.

    Oft stehen wir vor der Herausforderung, für ein bestimmtes Problem möglichst viele unterschiedliche Lösungen zu finden, aus denen wir dann die beste Lösung wählen. Auch Top-Performer produzieren sehr viele Ideen, von denen oft nur wenige tatsächlich erfolgreich sind: Thomas Edison besaß 1’093 Patente, Mozart schuf 600 Musikkompositionen. Wir erinnern uns jedoch nur an einige wenige (Glühbirne bei Edison, Zauberflöte bei Mozart), und diese waren nur dank der vielen Ideen möglich, die sie hervorgebracht haben und heute völlig unbekannt sind. Erfolgreiche Künstler wie Ed Sheeran führen ihren Erfolg ebenfalls darauf zurück, dass sie viele Ideen entwickeln, aus denen sie die besten auswählen.

    Mit der Zwicky-Box entwickelst Du in kurzer Zeit viele einzigartige Ideen. Wie das konkret funktioniert, erfährst Du in diesem Artikel.

    Fritz Zwicky

    Beginnen wir mit dem Erfinder der Zwicky-Box.

    Fritz Zwicky
    Bild: Fritz-Zwicky-Stiftung Glarus

    Fritz Zwicky (1898-1974) war einer der produktivsten Wissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Schweizer Astronom verfasste über 500 Publikationen, besaß fünfzig Patente, entwickelte Flugzeugtriebwerke und Raketenantriebssysteme und war Entdecker der dunklen Materie. Seine 1933 aufgestellte Theorie der Supernovae und die von ihm entdeckten kompakten Galaxien brachten ihm internationale Anerkennung ein. Am 16. Oktober 1957 (12 Tage nach dem «Sputnik»!) schoss er als erster westlicher Wissenschaftler einen Gegenstand in den Weltraum. „Meyers Enzyklopädisches Lexikon“ von 1979 bezeichnet ihn als „einen der bedeutendsten Astrophysiker des 20.Jahrhunderts“.

    Nach der Schulzeit in Glarus und Zürich sowie nach Studien- und Assistentenzeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich (1916-25) lehrte und wirkte er fast ein halbes Jahrhundert am California Institute of Technology in Pasadena und an den Sternwarten von Mount Wilson und Palomar.

    Fritz Zwicky und Albert Einstein
    Bild: Fritz-Zwicky-Stiftung Glarus
    Gruppenbild der Mitarbeiter des California Institute of Technology in Pasadena im Jahr 1931 oder 1932 (Zwicky: vorderste Reihe in der Mitte, mit verschränkten Armen, direkt neben Einstein)

    Zwickys Wege kreuzten sich immer wieder mit Albert Einstein, der zuerst sein Professor war und später sein Freund wurde. Einige Wegbegleiter bezeichneten Zwicky als „Einsteins brillantester Schüler“. Auch mit dem Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt pflegte er Kontakte. Dieser war von Zwicky so angetan, dass er ihn als Vorbild nahm für seine Hauptfigur Johann Wilhelm Möbius im Bestseller „Die Physiker“.

    Zwicky pflegte eine außergewöhnliche Vielfalt an persönlichen Interessen: Städteplanung, Bergsteigen, Kristalle und vor allem Galaxien. Auch humanitär war er sehr aktiv; dazu gehörte unter anderem die Organisation des Komitees zur Unterstützung der kriegsgeschädigten wissenschaftlichen Bibliotheken: Um die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen zu stärken, sammelte und verteilte Zwicky zusammen mit einer Handvoll freiwilliger Helfer wissenschaftliche Zeitschriften und Bücher im Wert von über einer Million Dollar und schickte sie an Universitäts- und andere Bibliotheken, die im Krieg zerstört wurden – zunächst in Länder, die mit den USA verbündet waren, später in ehemalige Feindesländer. Mehrere Jahre lang widmete Zwicky seine Wochenenden dieser Aufgabe, indem er persönlich die schweren Kartons schleppte, katalogisierte, verpackte und verschickte. Über die Jahre waren dies über 100 Tonnen an Zeitschriften und Büchern.

    Für seine „zahlreichen hervorragenden Beiträge zum Verständnis der Bestandteile der Galaxie und des Universums“ wurde er 1973 mit der Goldmedaille der Royal Astronomical Society ausgezeichnet. Diese Medaille gilt als Parallelauszeichnung zum Nobelpreis. Außerdem erhielt er 1949 von US-Präsident Truman als erster Ausländer die Medal for Freedom (Freiheitsmedaille), eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der Vereinigten Staaten von Amerika.

    Zu sagen, Zwicky habe die unglaubliche Fähigkeit besessen, einzigartige Lösungen für die Probleme zu finden, mit denen er konfrontiert war, ist eine Untertreibung. Dennoch kennen viele seine Kreativität, Problemlösungs- und Ideenfindungsmethode nicht.

    Zwicky vertrat die Ansicht, dass jeder Mensch ein Genie sei und die Lebensaufgabe eines jeden darin bestünde, seine eigene Begabung zu finden und nicht, einem anderen Genie zu folgen. „Die meisten Menschen scheinen einfach nie zu begreifen, dass sie einzigartige Potenziale und Fähigkeiten besitzen, die von keinem anderen erreicht werden, und dass die Strafe dafür, dass man sein Genie nicht erkennt, Frustration und Unglücklichsein ist“, sagte Zwicky mal.

    Sein Geheimrezept ist der in den 1960er-Jahren von ihm entwickelte morphologische Kasten („Zwicky-Box“), ein einfaches, aber wirkungsvolles Werkzeug, um Ideen zu entwickeln und Probleme zu lösen. 1971 schrieb Zwicky: „Ich habe das Gefühl, dass ich endlich den Stein der Weisen in dem gefunden habe, was ich die morphologische Sichtweise und Methode nenne.“ Ihm zufolge könnte die Zwicky-Box die Effizienz unseres Gehirns um das Hundertfache steigern.

    Am Ende dieses Artikels findest Du noch ein paar amüsante und überraschende Anekdoten zu Fritz Zwicky. Ich möchte Dich hier aber nicht länger mit seiner Person aufhalten und gehe deshalb direkt zur konkreten Anleitung der Zwicky-Box über.

    Anleitung für die Zwicky-Box

    Das Prinzip ist ganz einfach und schnell erklärt: Nimm ein Problem, zerlege es in die einzelnen Merkmale, füge die Werte zu den Merkmalen hinzu und kombiniere anschließend diese Werte in einer neuartigen Weise. Das zentrale Ziel der Zwicky-Box ist es, neue, bisher nicht verwendete Ansätze zur Lösung eines klar definierten Problems zu entwickeln.

    Mit „Problem“ kann dabei vieles gemeint sein:

    • Ein Unternehmen möchte herausfinden, welche Eigenschaften ein neues Produkt in sich vereinen soll.
    • Ein Unternehmen sucht neue Kundengruppen, die es erschließen kann.
    • Eine Familie ist sich nicht sicher, welche Möglichkeiten der Betreuung für ihr Kind ideal wäre oder wie Beruf und Kinderbetreuung unter einen Hut gebracht werden kann.

    Schauen wir uns nun die einzelnen Schritte an, so verstehst Du es am besten.

    Schritt 1: Definiere die Bestandteile

    Zerlege Dein Problem oder Deine Fragestellung in die einzelnen Bestandteile. Das funktioniert ganz einfach: Definiere alle Bestandteile (Attribute, Faktoren, Parameter, Dimensionen, etc.) Deines Problems und schreibe sie auf.

    Die Bestandteile müssen dem MECE-Prinzip entsprechen:

    • Mutually Exclusive: Die Bestandteile beeinflussen sich nicht gegenseitig (Beispiel: Du möchtest ein neues Fahrrad auf den Markt bringen. Hierbei darfst Du nicht beide Bestandteile „Speiche“ und „Rad“ verwenden, da eine Änderung an der Speiche immer auch eine Änderung des Rads bedeutet.)
    • Collectively Exhaustive: Alle gesammelten Bestandteile ergeben zusammen das komplette Produkt. (Beispiel: Wenn Du beim oben erwähnten Fahrrad das Merkmal „Sattel“ vergisst, ist das Produkt nicht komplett.)

    Machen wir ein Beispiel:

    Die Problemstellung: Dein Unternehmen stellt Garagentore her und erhält regelmäßig Kundenfeedback über die schlechte Qualität der Scharniere an den Toren; einige Wochen nach Inbetriebnahme fangen diese an zu quietschen.

    Viele Menschen würden sich jetzt die Frage stellen: „Wie verbessern wir die Scharniere?“ Doch aus der morphologischen Sichtweise gesehen ist dies zu wenig weit gedacht. Hier stellen wir uns die Frage: „Wie können wir das Garagentor verbessern, sodass es sich über Jahre hinweg geräuschfrei öffnen und schließen lässt?“ Dadurch schauen wir alle Aspekte des Produkts an, nicht nur die Scharniere, wodurch innovativere und unkonventionellere Ideen entstehen können.

    Im ersten Schritt sammelst Du jetzt die Bestandteile des Produkts:

    • Material des Garagentors
    • Material des Torrahmens
    • Typ der Toröffnung
    • Typ des Schlosses
    Zwicky-Box Schritt 1

    Schritt 2: Fülle die Werte ein

    Suche als Nächstes nach Werten für jeden Bestandteil. Lass Dich von bestehenden Lösungen inspirieren, wenn Du Probleme hast, Werte zu finden. Solange ein Wert umsetzbar und realistisch ist, trage ihn in die Zwicky-Box ein.

    Wenn wir jetzt die Bestandteile aus Schritt 1 mit den Werten ergänzen, schaut dies so aus:

    Zwicky-Box Schritt 2

    Schritt 3: Erstelle einzigartige Kombinationen

    Kombiniere jetzt die Werte, um eine ganz neue Idee zu kreieren. Wähle zufällig einen der Werte aus jeder Kategorie aus und verbinde die Werte miteinander. Dass dabei auch unsinnige Kombinationen entstehen können, die noch niemand vorher gemacht hat, birgt eines der Grundelemente der Kreativität. 

    Suche nach mehreren solchen Verbindungen, auch wenn Du anfangs nichts Wertvolles findest. Die Stärke der Zwicky-Box liegt in den vielen Ideen, die sie hervorbringt. In unserem Garagentor-Beispiel erhalten wir im untenstehenden Bild 4 x 4 x 4 x 4 = 256 einzigartige Kombinationen. Bei so vielen Möglichkeiten wirst Du sicherlich mindestens eine oder zwei hochwertige, innovative Ideen entwickeln.

    Schließen wir also nun unser Garagentor-Beispiel ab und verbinden mögliche Kombinationen miteinander:

    Zwicky-Box Schritt 3

    Danach vergleichst Du die gefundenen Kombinationen, überprüfst die Wirtschaftlichkeit und technische Umsetzung und entscheidest Dich für eine der Kombinationen.

    Beispiel: Tisch

    Hier ein weiteres Beispiel, diesmal mit einem Tisch.

    Die Problemstellung: Dein Unternehmen möchte einen neuen Tisch herstellen.

    Zwicky-Box Beispiel

    Hier haben wir 6 x 6 x 6 x 6 = 1’296 mögliche Kombinationen. Bei einer zufälligen Auswahl je eines Wertes in der Zwicky-Box kam ich nun auf:

    • 0 Beine
    • Material des Tisches: Glas
    • Höhe: 100 cm
    • Form: rund

    Du denkst, ein Tisch ohne Beine sei unmöglich? Nun, wie wäre es mit einem Tisch, der von der Decke hängt? Und schon haben wir eine Lösung gefunden, auf die wir ohne die Zwicky-Box möglicherweise nie gekommen wären!

    hängender Tisch

    Anwendungsmöglichkeiten

    Das oben beschriebene Vorgehen mag ziemlich theoretisch klingen, aber die Zwicky-Box hat viele praktische Anwendungen. Hier sind vier Ideen, wie Du sie in Deinem Alltag einsetzen kannst:

    • Kreativität: Von der Planung bis zur Erstellung von Inhalten können Künstler die Zwicky-Box nutzen, um originelle Ideen zu entwickeln.
    • Innovation: Du kannst die Zwicky-Box für Produktinnovationen, Produktentwicklung oder die Entwicklung von Geschäftsmodellen verwenden.
    • Entscheidungsfindung: Die Zwicky-Box kann dir bei der Strategieentwicklung, der Finanzmodellierung und der täglichen Entscheidungsfindung helfen.
    • Brainstorming im Team: Es kann hilfreich sein, Ideen in Deinem Team mit einer Zwicky-Box zu brainstormen.

    Die Zwicky-Box ist ein einfaches Werkzeug, um Deine Kreativität und Problemlösungskompetenz zu verbessern. Zerlege einfach Deine Probleme in ihre Bestandteile, füge Werte hinzu und verbinde sie miteinander, um neue Ideen zu entwickeln. Die Zwicky-Box ist leicht einzurichten und Du kannst sie für viele Situationen verwenden.

    Die Zwicky-Box in einem kurzen Video erklärt

    „Morphologischer Kasten einfach erklärt“ (Länge: 8min 10s)

    Vorteile der Zwicky-Box

    • Die Methode eignet sich, um komplexe Probleme mit vielen Einflussfaktoren zu analysieren.
    • Das zu analysierendes Problem wird durch die Erarbeitung der Merkmale und ihrer Werte umfassend beschrieben.
    • Durch die Auflistung von Merkmalen und die systematische Sammlung möglicher Werte liegen alle theoretisch denkbaren Möglichkeiten grundsätzlich vor.
    • Die Kombinationsmöglichkeiten sind fast unbegrenzt.
    • Die Ergebnisse sind übersichtlich, strukturiert und methodisch.
    • Durch das leichte Erstellen neuer Kombinationen können schnell viele Ideen generiert werden.
    • Die Teilnehmenden können sofort loslegen, es ist keine Einarbeitung oder große Erklärung nötig.
    • Die Mitglieder einer interdisziplinären Arbeitsgruppe inspirieren sich gegenseitig.

    Nachteile der Zwicky-Box

    • Die Erarbeitung geeigneter Kategorien („Was ist wichtig? Was ist irrelevant?“) ist kritisch für den Erfolg der Methode und stellt anfangs oft eine Schwierigkeit dar.
    • Die Auswertung wird bei vielen Kategorien und Werten schnell unübersichtlich und zeitintensiv.
    • Inhaltliches Expertenwissen über das zu untersuchende Problem ist unbedingt notwendig, da ansonsten kaum umsetzbare Kombinationen gefunden werden.
    • Die Vielzahl möglicher Lösungen kann zu Problemen bei der Auswahl und Priorisierung führen.
    • Die Lösungen werden durch die Wahl der Kategorien auf gewisse Grenzen beschränkt, sodass selten komplett neuartige Lösungen gefunden werden. Die Lösungen bewegen sich somit stets innerhalb der festgelegten Matrix.

    Tipps zur Zwicky-Box

    Idealerweise füllst Du die Zwicky-Box nicht allein aus, sondern in einer Gruppe mit maximal acht Personen. So erhöhst Du die Vielfältigkeit der Lösungen. Im Optimalfall kommen die Personen aus unterschiedlichen Bereichen (Vertrieb, Marketing, Design, Controlling, etc.).

    Falls es sich nicht verhindern lässt, dass mehr als acht Personen beteiligt sind, teilt euch in Gruppen zu maximal je acht Personen auf und vergleicht am Ende die Lösungen.

    Noch besser funktioniert die Zwicky-Box übrigens, wenn die Personen die ursprüngliche Problemstellung nicht kennen, sondern nur die Werte zu den Bestandteilen sammeln. Die Teilnehmenden denken dann freier, als wenn sie immer das Problem (und mögliche vorgefertigte Lösungen) im Hinterkopf haben. So entstehen die originellsten Lösungen.

    Bei der Suche nach neuen Innovationen kann die Zwicky-Box eine hervorragende Lösung sein. Stelle Deinem Team einfach die Frage: „Was hört sich im ersten Augenblick nach einer schlechten Idee an, wäre aber, wenn wir den richtigen Ansatz finden, eine verdammt gute Idee?“

    Anekdoten über Fritz Zwicky

    Kommen wir abschließend nochmals auf Fritz Zwicky zurück. Ich versprach Dir eingangs noch ein paar amüsante und überraschende Anekdoten über ihn.

    Zwicky war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht weit voraus. So sagte er bereits Jahrzehnte bevor Greta Thunberg das Licht der Welt erblickte, hinsichtlich des Umgangs der Menschheit mit der Erde: „Spätere Generationen werden uns als die schlimmsten ‚Hüter‘ der Erde betrachten.“

    Heute wissen wir, wie Recht er damit hatte!

    Zudem war sich Zwicky mehr als bewusst, dass neue Technologien nicht nur ein Segen sind, sondern auch eine Gefahr bergen. 1973 sagte er in einem Vortrag:

    „Die meisten unter uns sind immer noch beduselt von den Fortschritten in Wissenschaft und Technik. Nur wenige haben erkannt, dass die Nebenwirkungen dieser vermeintlichen Fortschritte unsere Existenz gefährden, ja drohen, ihr Ende herbeizuführen. Für diejenigen unter uns, die nicht mehr geneigt sind, mit dem Schicksal zu spaßen, gilt es kompromisslos alle katastrophalen Umstände zu beleuchten und mit dem Ziel, unserer Existenzbehauptung alle Mittel einzusetzen, diese Umstände aus der Welt zu schaffen. Jeder hart gesottene Realist weiß, dass es nur relativ wenige Einsichtige gibt, die auch den Willen haben, dabei mitzumachen. Ihnen entgegenarbeiten werden die ungeheuer vielen Blödiane, die nur auf sich eingestellten und Mammon verfressenen Individuen sowie die nach Macht lüsternen.“

    Allgemein war Fritz Zwicky ein Genie mit Ecken und Kanten. Das machte ihn zu einer spannenden Persönlichkeit und zu einem unbequemen Kollegen, wie diese Anekdoten bezeugen:

    • Seine etwas schwierige Persönlichkeit zeigte sich eindrücklich 1920 bei der mündlichen Diplomprüfung. Auf eine Prüfungsfrage antwortete Zwicky, die Frage sei so ungenau formuliert, dass er darauf sechs Antworten geben und sie alle mit wissenschaftlich einwandfreien Argumenten belegen könne. Am Ende wurde der prüfende Professor vor Wut grüngelb und drohte zusammenzuklappen.
    • Andere Astronomen am Mount Wilson Observatorium nannte Zwicky „sphärische Bastarde“. Weshalb sphärisch? Weil sie „Bastarde seien, von welcher Seite man sie auch anschaue“. Als Zwicky und seine Ehefrau einmal ein paar Doktoranden zu sich zum Nachtessen einluden und die Gruppe an der Tür läutete, öffnete die Ehefrau die Tür und rief ins Haus: „Fritz, die Bastarde sind hier!“.
    • Im Jahre 1948 schlug Zwicky vor, extraterrestrische Quellen zu verwenden, um das Universum umzukonstruieren. Das sollte damit beginnen, andere Planeten, Monde und Asteroiden durch Umbau bewohnbar zu machen und deren Bahn um die Sonne zu verändern, um die Temperatur zu justieren.
    • In den Sechzigerjahren hatte Zwicky die Idee, die Kernfusion auf der Sonne durch Beschuss asymmetrisch zu verändern, um damit die Bahn der Sonne und damit des gesamten Sonnensystems zu beeienflussen. Er schrieb, es würde damit einmal möglich, zu anderen Sternen zu reisen, zum Beispiel zum nächsten Sternsystem Alpha Centauri – wenn auch mit einer 2’500-jährigen Reise.

    Zitate von Fritz Zwicky

    Von Zwicky sind einige Zitate überliefert. Dies sind zwei davon:

    „Das Studium von Erfahrungen von Generationen vor ihm erlaubt es im Prinzip jedem Menschen, sein ihm innewohnendes Genie zu erkennen.“

    „Warum in der Demokratie die besten Männer nur schwer in die Regierung gelangen: Die Masse liebt es, seinesgleichen an der Spitze zu haben.“

    Fritz Zwicky im Interview

    Einen guten Eindruck davon, wie Fritz Zwicky dachte und was er für ein Mensch war, erhältst Du im folgenden Interview. Es erschien 1973 in der Schweizer Illustrierten anlässlich seines 75. Geburtstags.

    Schweizer Illustrierte (SI): Sie leben in den Vereinigten Staaten. Da wird Ihr Geburtstag, der 14. Februar, besonders gefeiert …

    Fritz Zwicky: Es ist der Valentinstag, an dem man „seiner Lieben gedenkt“, wie es so schön heißt. Ich hätte an keinem dümmeren Datum Geburtstag haben können – ich bin nämlich kein lieber Mensch. Übrigens, wenn Sie schon von Geburtstagen reden – vergessen Sie nicht, dass am 19. Februar der 500. Geburtstag von Kopernikus ist. Dessen sollte man gebührend gedenken. Meinen eigenen zu feiern, besorge ich selbst.


    SI: Während des Krieges hatten Sie, glaube ich, besondere Funktionen?

    Zwicky: Man zog mich zur Kernenergieforschung für die Raumfahrt bei. Später, 1945, schickte mich die Regierung nach Deutschland, wo ich Experten, unter ihnen auch Wernher von Braun, für die USA „anwarb“. Ich war auch der erste in Hiroshima, arbeitete dort mit General Douglas MacArthur zusammen und verfasste einen Bericht über die Schäden der Bombe und deren mögliche Abwehrmittel. Das Buch war geheimer als geheim. Eigentlich hätte ich selbst es nicht einmal lesen dürfen …


    SI: Aber Sie bekamen einen Orden.

    Zwicky: Von [US-Präsident] Harry Truman, ja, 1949, die „Friedensmedaille des US-Präsidenten“. Ich war nicht nur der erste Ausländer, der ihn bekam, sondern auch der erste Wissenschaftler überhaupt.


    SI: Man nennt Sie ein „Universalgenie“. Warum eigentlich?

    Zwicky: Dreißig Jahre bevor sie tatsächlich entdeckt wurden, sagte ich zum Beispiel die Existenz von superdichten Neutronensternen voraus. Ich entdeckte auch eine große Anzahl von Galaxien, Sternensystemen außerhalb der Milchstraße. Schließlich schoss ich als erster westlicher Wissenschaftler zwölf Tage nach dem russischen Sputnik eine Nutzlast ins All. Das war im Oktober 1957.


    SI: Etwas ganz anderes: Sie entwickelten auch die Idealverpackung für Milch. Aber noch eine Auszeichnung, die Sie eben erhielten, ist …

    Zwicky: … die Goldmedaille der britischen „Royal Astronomical Society“; sie ist ein Äquivalent zum Nobelpreis, da der an Astrophysiker nicht verliehen wird.


    SI: Haben Sie Hobbys?

    Zwicky: Hatte. Früher war es das Klettern, in der Schweiz etwa die Eigernordwand, später kamen in Kanada und Alaska ein paar Erstbesteigungen dazu.


    SI: Noch etwas Kontroverses. Sie ließen einen Buchtitel rechtlich schützen: „Das dümmste Volk“. Wer ist damit gemeint, etwa wir Schweizer?

    (Fritz Zwicky grinst breit und seine diebische Freude ist offensichtlich, während seine danebensitzende Gattin entsetzt sagt: „Willst Du wirklich davon anfangen?“)

    Zwicky: Natürlich sind die Schweizer gemeint. Und das ist ganz einfach: Nicht die Menschen in Bangladesch sind dumm; denen geht es nur dreckig. Aber ein Volk, das oben ist und alle Möglichkeiten hat – gerade bei dem, also bei uns, gibt es Fremdarbeiterprobleme, Finanz- und Verkehrsmiseren. Die Dümmsten aber sind meine Glarner Landsleute: Sie haben vor gar nicht so langer Zeit die letzte Hexe verbrannt. Das war eine bodenlose Dummheit.

    Fritz Zwicky – Das verkannte Genie

    In meinen Augen ist Fritz Zwicky ein verkanntes Genie. Mehrere kosmische Objekte und technische Erfindungen tragen seinen Namen, er erfuhr internationale Anerkennung von den USA über Russland bis China, aber gemessen an seinen intellektuellen Leistungen blieb ihm in der Schweiz und im gesamten deutschsprachigen Raum die gebührende ­Beachtung bis heute verwehrt. Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel etwas daran ändern.


    Dieser Artikel von Andreas Hobi ist lizenziert unter CC BY-SA 4.0


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