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Der Lindy-Effekt: Weshalb Du nicht jedem Trend hinterherlaufen solltest

    Lindy-Effekt

    Wir sind uns Folgendes gewohnt: Je länger etwas schon existiert, desto kürzer ist die restliche Lebensdauer. Eine 70-jährige Seniorin hat – rein statistisch gesehen – weniger Lebensjahre vor sich als ein fünfjähriges Kind.

    Es gibt jedoch Dinge, bei denen ist das genau umgekehrt: Je länger sie schon existieren, desto länger werden sie – statistisch gesehen – noch weiterexistieren. Um diese Dinge geht es in diesem Artikel.

    Und Du lernst, wie Du das zu Deinem Vorteil nutzen kannst.

    Auf das darfst Du Dich in diesem Artikel freuen

    Definition des Lindy-Effekts

    Der Lindy-Effekt ist eine Theorie, die besagt, dass die verbleibende Lebenserwartung von Technologien, Ideen, Unternehmen und anderen Dingen mindestens ihrem gegenwärtigen Alter entspricht. Je älter etwas ist, desto länger wird es wahrscheinlich in der Zukunft noch existieren. Konkret: Etwas, das schon seit 40 Jahren existiert, wird demnach noch mindestens weitere 40 Jahre existieren.

    Der Lindy-Effekt gilt dabei nur für Dinge, die kein natürliches Verfalldatum haben. Menschen zum Beispiel haben ein natürliches Verfalldatum. Auch Tiere und Pflanzen sterben irgendwann einen natürlichen Tod. Hier gilt der Lindy-Effekt nicht.

    Bei Dingen ohne natürliches Verfalldatum ist das anders: Unternehmen und Ideen können unbeschränkt lange existieren (und sich dabei immer wieder erneuern). Bei solchen Dingen ist es wahrscheinlich, dass das Alte eine längere Lebenserwartung hat als das Junge: Wenn ein Unternehmen siebzig Jahre alt ist und ein anderes fünf Jahre, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das alte Unternehmen in zwanzig Jahren noch da sein wird als das junge.

    Der Grund dafür ist relativ simpel: Ältere Dinge haben den „Test der Zeit“ bestanden. Zeit besteht im Wesentlichen aus Zufallsereignissen. Solche Zufallsereignisse (Wirtschaftskrisen, Pandemien, etc.) können Dinge zu Fall bringen. Schwache Technologien, Ideen und Unternehmen werden eliminiert, die starken überleben. Und je länger sie überleben, desto robuster und stabiler werden sie.

    Der Ursprung des Begriffs geht auf Albert Goldman und seinen 1964 in The New Republic erschienenen Artikel mit dem Titel Lindy’s Law zurück. Der Begriff Lindy bezieht sich auf das ehemalige Restaurant Lindy’s in New York, wo sich Künstler jeden Abend trafen, um die jüngsten Neuigkeiten des Showbusiness zu diskutieren.

    Benoît Mandelbrot hat anschließend in seinem 1982 erschienenen Buch The Fractal Geometry of Nature beschrieben, dass die Karriere von Künstlern länger dauern wird, je länger sie bereits erfolgreich sind. Er formulierte es so: „Wie lange auch immer die gesammelten Werke einer Person in der Vergangenheit wirken, sie werden im Durchschnitt noch eine gleiche Zeitspanne andauern.“

    Jemand, der erst seit ein paar Monaten auf der Bühne steht, wird eher scheitern als jemand, der dies bereits seit ein paar Jahren tut. Mandelbrot sagt auch: „Für das Vergängliche bedeutet jeder zusätzliche Tag in seinem Leben eine kürzere verbleibende Lebenserwartung. Für nicht vergängliche Dinge bedeutet jeder zusätzliche Tag eine längere verbleibende Lebenserwartung.“

    Der Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb machte den Lindy-Effekt in seinem Buch Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen im Jahr 2012 noch populärer und schrieb:

    „Wenn ein Buch vierzig Jahre lang gedruckt wurde, kann ich davon ausgehen, dass es weitere vierzig Jahre lang gedruckt wird. Daran erkennt man in der Regel, warum Dinge, die es schon lange gibt, nicht wie Personen „altern“, sondern in umgekehrter Richtung „altern“. Jedes Jahr, das ohne Aussterben vergeht, verdoppelt die zusätzliche Lebenserwartung. Dies ist ein Indikator für eine gewisse Robustheit. Die Robustheit eines Gegenstands ist proportional zu seiner Lebensdauer!“

    Das ultimative Beispiel in der Literatur, das wir durch den Lindy-Effekt erklären können, ist die Bibel. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Heilige Schrift in den nächsten Jahren durch ein „besseres“ Buch abgelöst wird.

    Kurz gesagt: Was sich lange bewährt hat, wird dies wahrscheinlich noch lange weiter tun. Oder wie Deine Großmutter vielleicht sagen würde: Alte Besen kehren gut.

    Anwendungsmöglichkeiten des Lindy-Effekts

    Du fragst Dich jetzt vielleicht, was der Lindy-Effekt für Deinen Alltag bedeutet. Hier ein paar Bereiche, in denen Du mit ihm in Kontakt kommst und wo Du den Effekt für Dich nutzen kannst.

    Wissen und der Lindy-Effekt

    Der Lindy-Effekt hilft Dir dabei, das, was robust ist – was über lange Zeiträume von Bedeutung ist – von dem zu trennen, was nicht von Bedeutung ist. Du investierst beim Lernen viel Zeit und willst ja schließlich etwas erlernen, das auch in 10, 20 oder 50 Jahren noch relevant und anwendbar sein wird.

    Nassim Nicholas Taleb meint dazu:

    „Wenn Sie den Rat einer Großmutter oder eines Ältesten hören, stehen die Chancen gut, dass er zu neunzig Prozent funktioniert. Andererseits, zum Teil wegen der Verwissenschaftlichung, zum Teil, weil die Welt brutal ist, stehen die Chancen, dass alles, was Sie von Psychologen und Verhaltenswissenschaftlern lesen, zu weniger als zehn Prozent funktioniert, es sei denn, es entspricht dem, was von der Großmutter und den Klassikern abgedeckt wurde, in welchem Fall Sie keinen Verhaltenswissenschaftler bräuchten.

    Ein kürzlich unternommener Versuch, hundert Psychologiearbeiten in renommierten Zeitschriften zu replizieren, ergab, dass von den hundert Arbeiten nur neununddreißig mit gleichem Ergebnis wiederholt werden konnten. Ähnliche Mängel wurden in der Medizin und den Neurowissenschaften festgestellt.“

    Und Taleb begründet seine Ansichten auch gleich:

    „Während unser Wissen über die Physik unseren Vorfahren nicht zur Verfügung stand, wussten sie umso mehr über die menschliche Natur. Alles, was in den Sozialwissenschaften und in der Psychologie heute Gültigkeit hat, muss also einen Vorläufer in den Klassikern haben; andernfalls lässt es sich nicht replizieren oder über das Experiment hinaus verallgemeinern. Unter Klassikern können wir die lateinische (und späthellenistische) Literatur verstehen: Cicero, Seneca, Mark Aurel, Epiktet, Lukian von Samosata, oder die Dichter: Juvenal, Horaz oder die späteren französischen sogenannten Moralisten (La Rochefoucauld, Vaugenargues, La Bruyère, Chamfort).“

    Hunderttausende wissenschaftlicher Arbeiten, die Experten nach ihrer Veröffentlichung als „visionär“ oder „bahnbrechend“ bezeichneten, haben den Test der Zeit nicht bestanden: Je mehr Zeit verstrich, desto mehr Fehler und Ungereimtheiten tauchten auf oder andere Wissenschaftler stellten fest, dass die Experimente bei einer erneuten Durchführung zu ganz anderen Resultaten führten. Deshalb solltest Du Dich ausschließlich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlassen, welche wir über Jahrzehnte hinweg nicht widerlegen konnten.

    Das gilt nicht nur für die Wissenschaft, sondern für alle Arten von Informationen. Du kannst ein beliebiges Schulbuch aus Deiner Kindheit nehmen und eine zufällige Seite aufschlagen; die Chancen stehen gut, dass die Informationen, die Du dort findest, immer noch relevant sind. Wenn Du jedoch an eine fünf Jahre zurückliegende Konferenz zu Deinem Fachgebiet zurückerinnerst, an der hochgepriesene Experten ihre neuesten Erkenntnisse präsentierten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Erkenntnisse in der Zwischenzeit den Test der Zeit nicht bestanden haben und irrelevant geworden sind.

    Wenn Du eine Lehrerin bist, fragst Du Dich vielleicht, welche Fähigkeiten Du den Kindern beibringen musst, damit sie in ihrem Arbeitsleben erfolgreich sein werden. Du weißt jedoch nicht, was uns in Zukunft an neuen Technologien und Trends erwarten wird. Hier hilft der Lindy-Effekt: Die Zukunft ist in der Vergangenheit zu finden; was den Kindern schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten hilft, wird ihnen auch in der Zukunft helfen. Mit diesen Fähigkeiten werden die Kinder ihr Leben meistern können, ganz unabhängig davon, mit welchen neuen Technologien sie konfrontiert werden.

    Medienkonsum und der Lindy-Effekt

    Die täglichen Nachrichten zu verfolgen ist unnütz und sogar schädlich, wenn wir den Lindy-Effekt berücksichtigen. Ereignisse, die wichtig sind, kannst Du in Publikationen nachlesen, die weniger oft erscheinen als Zeitungen. Schlagzeilen dienen nur dazu, Deine Emotionen zu entfachen und Dich davon abzuhalten, Dich auf wichtige Dinge zu konzentrieren.

    Ich schaue mir die täglichen Nachrichten nicht an. Wenn ein Ereignis wichtig und berichtenswert ist, wird es seinen Weg zu mir finden. Ich benutze die Zeit als natürlichen Filter und lese fast nur Printprodukte, die monatlich (oder im Einzelfall wöchentlich) erscheinen sowie Sachbücher. Bis zu deren Erscheinen ist das tägliche Rauschen verblasst, sodass Inhalte, die für mehr als einen Tag relevant sind, an die Oberfläche kommen.

    Wenn es um Bücher geht, empfehle ich Dir, die Klassiker zu lesen. Dort findest Du die Ideen der besten Denker aus Tausenden von Jahren. Naval Ravikant meint dazu im Buch Der Almanach von Naval Ravikant (E-Book hier gratis herunterladen):

    „Bücher sind großartige Freunde, denn die besten Denker der letzten paar tausend Jahre erzählen dir ihre Weisheiten. Wenn du eine Stunde am Tag Wissenschaft, Mathematik und Philosophie liest, wirst du wahrscheinlich innerhalb von sieben Jahren zur Spitze des menschlichen Erfolgs aufsteigen.“

    Lies die Bücher, die es schon seit über 20 Jahren gibt und auf die auch heute noch Bezug genommen wird. Auf diese Weise kannst Du ziemlich sicher sein, dass das, was Du lernst, auch in Jahrzehnten noch relevant sein wird. Oder um es in den Worten von Nassim Nicholas Taleb zu sagen:

    „Bücher von der Art, wie sie der angesagte Kolumnist der New York Times verfasst hat, mögen bei ihrer Veröffentlichung einen gewissen Hype erfahren, ob nun künstlich erzeugt oder spontan, aber ihre Fünfjahresüberlebensrate ist im Allgemeinen geringer als die von Bauchspeicheldrüsenkrebs.“

    Nimm ein beliebiges Spiegel-Bestsellerbuch, das gerade in aller Munde ist. In einem Jahr wird dieser „Bestseller“ mit hoher Wahrscheinlichkeit vergessen sein. Aber wenn es einen Klassiker gibt, den es schon lange gibt und den jede Generation immer wieder neu entdeckt, wird er wahrscheinlich auch in Zukunft wertvoll bleiben. Oft enthalten diese Klassiker ewige Weisheiten, die sich ein Leben lang als relevant erweisen werden.

    Die besten Inhalte – das, was wirklich wichtig ist – sind es wert, mehrmals gelesen zu werden, denn Du wirst immer etwas Neues finden. Wenn Du also mit den Klassikern fertig bist, nimm die besten wieder zur Hand. Taleb hat dazu ein tolles Zitat: „Ein gutes Buch wird beim zweiten Lesen noch besser. Ein großartiges Buch beim dritten Mal. Jedes Buch, das es nicht wert ist, noch einmal gelesen zu werden, ist es nicht wert, überhaupt gelesen zu werden.“

    Die Anzahl unterschiedlicher Bücher, die Du in einem bestimmten Jahr liest, ist nicht relevant. Viel wichtiger ist es, eine Auswahl großartiger Bücher zu treffen, die es Dir ermöglichen, Dich weiterzuentwickeln, und dann tiefer in sie einzutauchen, um die darin enthaltenen Ideen vollständig aufzunehmen und anzuwenden.

    Was wäre, wenn Du beim Lesen und Lernen der Qualität den Vorzug vor der Quantität geben würdest? Was wäre, wenn Du die wenigen hervorragenden Bücher mehrmals lesen würdest, anstatt alle neuen Bücher zu überfliegen? Dein Bücherregal wäre vielleicht leerer, aber Dein Gehirn und Dein Leben wären voller.

    Bücher rund um Philosophie, Psychologie und ähnliche Themengebiete, die schon seit Jahrzehnten (oder sogar Jahrhunderten) auf dem Markt sind, beinhalten oft mehr langlebige Wahrheiten als Neuerscheinungen. Dort findest Du altbewährte Weisheiten über die menschliche Natur, die auch heute noch Gültigkeit haben.

    Wenn ein Buch seit mehr als 20 Jahren existiert und auch heute noch empfohlen und gedruckt wird, handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein wertvolles Werk, das auch weiterhin eine Zukunft haben wird.

    „Das Neue wird im Vergleich zum Großen überbewertet. Wenn Sie zum Beispiel entscheiden, welchen Film Sie sehen oder welches Buch Sie lesen wollen, ziehen Sie dann bewährte Klassiker oder das neueste große Ding vor? Meiner Meinung nach ist es klüger, das Großartige dem Neuen vorzuziehen.“

    – Ray Dalio

    Ernährung und der Lindy-Effekt

    Den Lindy-Effekt kannst Du auch anwenden, wenn es um Deine Ernährung geht. Angenommen Du fragst Dich, ob Vitaminpräparate gut für (gesunde) Menschen sind, dann stellst Du vielleicht fest, dass die Generationen vor uns keine solchen Nahrungsergänzungsmittel konsumiert haben und trotzdem bei bester Gesundheit waren.

    Auch Naval Ravikant hat sich dazu Gedanken gemacht: „Nahrungsergänzungsmittel sind nicht Lindy und wir überschätzen unser Wissen über komplexe Systeme wie den menschlichen Körper.“

    Auch bei anderen Themen kannst Du prüfen, ob Lebensmittel „Lindy sind“: Bio-Lebensmittel vs. chemisch behandelte Lebensmittel, traditionelles Saatgut vs. gentechnisch verändertes Saatgut, und so weiter.

    Kunst und der Lindy-Effekt

    Vielleicht kennst Du das Stück Macbeth von Shakespeare. Es wurde 1606 uraufgeführt, also gibt es das Stück seit über 400 Jahren. Nach dem Lindy-Effekt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es noch mindestens weitere 400 Jahre in Umlauf sein wird.

    Das Musical Der König der Löwen wurde im Jahr 1997 uraufgeführt und wird nun schon seit über 20 Jahren gespielt. Hier ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir das Musical noch mindestens zwei weitere Jahrzehnte genießen dürfen.

    Das Gemälde Mona Lisa (La Gioconda) entstand nach heutigem Wissensstand zwischen den Jahren 1503 und 1506. Wir können davon ausgehen, dass dieses Gemälde von Leonardo da Vinci noch ein paar weitere Jahrhunderte große Menschenmassen anlocken wird, während die statistische Wahrscheinlichkeit dafür bei jüngeren Künstlern wie Banksy oder Maître de Casson geringer ist.

    Amazon und der Lindy-Effekt

    Viele Unternehmen suchen stets nach der nächsten neuen Strategie, um die Jagd nach Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Nur wenige konzentrieren sich auf Dinge, die sich nicht mit der Zeit ändern. Jeff Bezos, Gründer von Amazon, sagt dazu:

    „Ich bekomme häufig die Frage gestellt: ‘Was wird sich in den nächsten 10 Jahren ändern?‘ Das ist eine interessante Frage, und sie ist sehr häufig. Ich bekomme fast nie die Frage: ‘Was wird sich in den nächsten 10 Jahren nicht ändern?‘ Und ich behaupte, dass die zweite Frage eigentlich die wichtigere von beiden ist – denn man kann eine Geschäftsstrategie um die Dinge herum aufbauen, die auf Dauer stabil sind.“

    Wir Menschen neigen dazu, uns zu den neuesten und schillerndsten Dingen hingezogen zu fühlen. Wenn wir uns die Zukunft vorstellen, überlegen wir uns vielleicht, welche neuen Technologien und Entdeckungen es geben könnte; selten denken wir darüber nach, welche heutigen Dinge es auch in Zukunft noch geben wird.

    Der Wirtschaftsprofessor Fredmund Malik unterstützt Jeff Bezos’ Meinung, wenn er in seinem Buch Führen Leisten Leben schreibt:

    „In anderen Fächern baut man kontinuierlich auf früheren Erkenntnissen auf. Im Gegensatz dazu sehen die meisten Managementautoren ihr wichtigstes Ziel darin, etwas „ganz Neues“ zu schaffen, ohne Bezug auf allenfalls lange Erprobtes und Bewährtes.“

    Bitcoin und der Lindy-Effekt

    Und was hat das Ganze mit Bitcoin zu tun? Zu Beginn seines Bestehens gab es Befürchtungen, die Bitcoin-Blockchain könnte gehackt werden oder die Technologie könnte versagen. Das ist nicht passiert. Ja, Bitcoin-Wallets und andere Varianten zur Ablage von Kryptowährungen haben verschiedene Probleme und Ausfälle erlebt, aber die zugrunde liegende Technologie nicht.

    Der Lindy-Effekt sagt eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür voraus, dass der Bitcoin noch mindestens 10 weitere Jahre existieren wird, da er bereits über 10 Jahre alt ist. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch: Falls Du planst, mit Deinen Investitionen Deine Rente aufzubessern und es bis zu Deinem Ruhestand noch über 10 Jahre dauert, solltest Du vielleicht besser nicht in Bitcoin investieren, sondern in eine Anlageform, die schon länger existiert.

    Wir haben also genug Erfolg mit Bitcoin gesehen, um zuversichtlich zu sein, dass er noch einige Jahre lang ein Teil der Investitionslandschaft sein wird, aber sicherlich nicht genug, um an die relative Zeitlosigkeit eines Vermögenswerts wie Gold heranzukommen.

    Wir Menschen verwenden Gold schon lange als Wertaufbewahrungsmittel. Bitcoin kann das nicht von sich behaupten, und in der Tat würde es nach dem Lindy-Effekt noch ein paar Jahrhunderte dauern, bevor er auch nur annähernd die Erfolgsbilanz von Gold als Anlage erreichen könnte. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird Bitcoin zu einer glaubwürdigeren Investition, auch wenn er im Vergleich zu etablierten Vermögenswerten noch einen weiten Weg vor sich hat.

    (Hinweis: Dies ist weder eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung meinerseits, noch eine Anlageberatung! Ich übernehme keine Haftung für Anlageentscheidungen, die Du aufgrund dieses Artikels triffst.)

    Die Verfechter des Lindy-Effekts

    Oben hast Du bereits Albert Goldman, Benoît Mandelbrot und Nassim Nicholas Taleb kennengelernt. Sie haben den Lindy-Effekt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.

    Doch bereits Jahrtausende zuvor haben die Stoiker die Weisheiten, die hinter dem Lindy-Effekt stecken, begriffen. Und ganz aktuell gibt es mit Paul Skallas einen jungen Mann, welcher den Lindy-Effekt auch in der jüngeren Generation populär macht.

    Die Stoiker

    Der vorsokratische Denker Periander schrieb vor mehr als 2500 Jahren: „Wende Gesetzmäßigkeiten an, die alt sind, aber Lebensmittel, die frisch sind.“ Und der römische Philosoph Seneca beschwerte sich, seine Mitmenschen verschwendeten Zeit und Geld damit, zu viele Bücher anzuhäufen, und mahnte, dass „die Fülle der Bücher eine Ablenkung ist“. Stattdessen empfahl Seneca, sich auf eine begrenzte Anzahl von hervorragenden Büchern zu konzentrieren, die wir dafür gründlich und wiederholt lesen sollten.

    Paul Skallas

    Paul Skallas ist ein Technologieanwalt und Autor zahlreicher Bücher. Er versucht, die solidesten Ideen der Menschheitsgeschichte zu nutzen, um die Herausforderungen und Chancen des täglichen Lebens in der modernen Welt zu verstehen.

    Während Nassim Nicholas Taleb den Lindy-Effekt hauptsächlich in Bezug auf Statistiken und Sozialwissenschaften diskutierte, spricht Paul Skallas ausführlich über die praktischen Anwendungen des Lindy-Effekts in Bezug auf Ernährung, Gesundheit, Dating, Sport und andere Bereiche.

    Skallas vertritt die Ansicht, wir seien ohne eine Lindy-Perspektive eine leichte Beute für neue Produkte, neue akademische Disziplinen, neue Bücher, neue Technologien, neue Lebensmittel, neue Lebensformen, neue „Theorien“ über das Leben und neue politische Strömungen.

    Skallas befürwortet Praktiken, die auf die Antike zurückgehen, wie das intermittierende Fasten, das in allen religiösen Traditionen vorkommt und nachweislich positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat (obwohl es auch Kritiker gibt). „Der Körper wird durch Stressfaktoren gestärkt, und er wird durch den Mangel an Nahrung gestärkt“, schreibt er.

    Er ernährt sich nach einer aus der griechisch-orthodoxen Tradition stammenden Diät, bei der er abwechselnd Veganer und Pescetarier ist. Er empfiehlt: „Faste zweimal pro Woche und zweimal im Jahr einen Monat am Stück, indem Du Dich vegan ernährst oder ganz auf Essen verzichtest“.

    Ähnlich wie die Befürworter der Paleo-Diät empfiehlt Paul Skallas, auf Lebensmittel und Getränke zu verzichten, die in den letzten 500 Jahren erfunden wurden. Das bedeutet: kein Beyond Meat, kein Red Bull und kein Oatly.

    Skallas hält zudem nichts von modernen Fitnessgeräten und rät seinen Lesern in einem Newsletter, sich auf einfaches Gewichtheben zu beschränken, wobei er auf Milon hinweist, den mythischen griechischen Ringkämpfer und Athleten, der täglich ein Kalb stemmte und das Tier deshalb auch dann noch hochheben konnte, als es zum Stier geworden ist.

    Auch dem Yoga steht Skallas skeptisch gegenüber, da die heute von den meisten Menschen praktizierte Form erst im 20. Jahrhundert erfunden wurde. „Ist Yoga gut oder schlecht für Dich? Wir „wissen es schlichtweg noch nicht“, schrieb er. „Der Lindy-Effekt sagt nicht ‘tu es nicht‘, sondern ‘wir wissen nicht, was passieren wird‘.“

    Die Beständigkeit von Verhaltensweisen über Jahrtausende hinweg macht die Lehren aus der Antike gemäß Paul Skallas so wirksam. „Die menschliche Natur ändert sich nicht“, sagt er. „Die antiken Menschen haben den Menschen und sein Verhalten tiefgehend studiert, und vieles davon ist ziemlich gut.“

    Skallas glaubt zum Beispiel an die Psychotherapie, aber nicht, weil er an die Theorien von Carl Gustav Jung und Sigmund Freud glaubt, sondern weil ein Therapeut in unserer entfremdenden modernen Welt die tief in uns verwurzelte Rolle des geduldigen Zuhörers verkörpert, so sein Argument.

    Paul Skallas verwendet unsere Willenskraft als Beispiel, um die Überlegenheit des Lindy-Effekts gegenüber neuen akademischen Hypes zu veranschaulichen. In den 1990er-Jahren entwickelte der Sozialpsychologe Roy Baumeister das Selbstkontrollmuskel-Modell, welches breite Unterstützung fand. Es besagt: Wenn jemand zum Beispiel Energie aufwendet, um Donuts zum Frühstück abzulehnen, ist es schwieriger, ein Steak zum Abendessen abzulehnen, weil die Willenskraftreserven erschöpft sind. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass die entsprechende Studie von Roy Baumeister nicht wiederholt werden konnte. Stattdessen ähnelt die Willenskraft eher dem, was die alten Stoiker wie unter anderem Seneca beschrieben: eine Kraft, die durch häufige Aktivierung stärker wird.

    Schlusswort

    Natürlich funktioniert der Lindy-Effekt nicht in jedem Bereich. Wenn bei Dir Krebs diagnostiziert wird, solltest Du Dich einer Chemotherapie unterziehen, anstatt Dich auf römische Heilmethoden zu verlassen. 

    Jedoch ist der Lindy-Effekt eine gute Faustregel. Diese Faustregel ist im Allgemeinen zutreffend. Aber der Lindy-Effekt ist kein Gesetz wie das Gesetz der Schwerkraft, welches immer und überall gilt.

    Mein Rat mit dem Lindy-Effekt ist: Er bietet einen Orientierungsrahmen für die Bewertung von Entscheidungen in einer komplexen Welt mit unvollständigen, unzuverlässigen und widersprüchlichen Informationen und in einer Welt, in der Du sogenannten „professionellen Experten“ nicht in jedem Fall vertrauen kannst, da sie oft in Ihrem eigenen Interesse handeln.

    Der Lindy-Effekt bietet einen Orientierungsrahmen, der Dir hilft, Deine Entscheidungen zu bewerten. Aber er ist keine Lösung für alle Probleme und er ist kein Ersatz für das Denken und die Anwendung eines guten Urteilsvermögens.

    Abschließend noch ein Gedanke dazu von Nassim Nicholas Taleb:

    • Wenn das Haar Deines Gegenübers schwarz ist, höre auf seine Argumentation, aber ignoriere seine Schlussfolgerung.
    • Wenn sein Haar grau ist, höre sowohl auf die Argumentation als auch auf die Schlussfolgerung.
    • Wenn sein Haar weiß ist, überspringe die Argumentation, aber höre auf die Schlussfolgerung.

    Dieser Artikel von Andreas Hobi ist lizenziert unter CC BY-SA 4.0

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